CIO der OTTO-Einzelgesellschaft Müller-Wünsch über den Fachkräftemangel der IT-Branche, wie man als Unternehmen dennoch gefragtes Personal anwirbt, und Tipps für Berufseinsteiger

Müller-Wünsch sitzend

Interviewer: Martin Grupp

Gut ausgebildete Fachkräfte werden händeringend gesucht, vor allem im IT-Bereich. Jobsuchenden dieser Branche stehen daher alle Türen offen, weshalb die Unternehmen Strategien entwickeln müssen, wie sie die begehrten Bewerber für sich gewinnen. Gleichzeitig sind vor allem Berufseinsteiger überfordert mit der Frage, welcher Job aus der Flut von Stellenanzeigen für sie der richtige ist. Wichtig sind bei dieser Entscheidung lange nicht mehr nur harte Faktoren wie Gehalt und Standort. Sondern vor allem Aspekte wie die Work-Life-Balance und die Identifizierung mit der Unternehmenskultur werden wichtiger. Wie sich Berufseinsteiger die Suche nach dem ersten Job erleichtern können und wie die OTTO-Einzelgesellschaft mit diesen Fragen umgeht, verrät Bereichsvorstand Technology und Chief Information Officer (CIO) Michael Müller-Wünsch im Interview.

Martin Grupp: Herr Müller-Wünsch, in Ihrer IT-Abteilung bei der OTTO- Einzelgesellschaft sind Ihre Mitarbeiter sicherlich vielseitig ausgebildet mit einer großen Bandbreite an Fähigkeiten, Kompetenzen und Berufsbildern. Welche Spezialisierungen angehender Informatiker sind Ihrer Meinung nach am Markt gerade gefragt? Welche Kompetenzen sind für OTTO momentan am interessantesten?

Michael Müller-Wünsch: Natürlich freue ich mich über jeden Informatiker mehr in Deutschland. Gleichwohl sollte der Einstieg in eine IT-Laufbahn gut überlegt sein. In Deutschland ist die Ausbildung häufig noch sehr theoretisch und stark Mathematik-orientiert. Letzteres hilft sicherlich sehr angesichts der immens wachsenden Datenmengen, liegt aber nicht jedem.

Wenn man sich auf den Weg gemacht hat, dann sehe ich aktuell vier große Main-Streams, die sicherlich nicht exklusiv zu betrachten sind. Alle haben eines gemein – den starken Anwendungs- und Entwickler-Bezug: Mobile, Bild- und Sprachverarbeitung (durch künstliche Intelligenz), Data Analytics sowie dynamische TECH-Infrastrukturen aus der Cloud. Neben diesen haben auch alle Architektur-Disziplinen (Enterprise, Data etc.) eine sehr hohe Nachfrage.

Je nach Typus und Neigung kann man sich also vielfältig verwirklichen. Dabei sollte man wissen, dass Digitalisierung viel mit Menschen, Kommunikation und sozialer Interaktion zu tun haben kann. Man sitzt also nicht zwingend für immer hinter einem Bildschirm in einem abgedunkelten Raum.

Immer wieder wird in den Medien vom Fachkräftemangel in der IT in Deutschland gesprochen. Haben Sie bei der OTTO-Einzelgesellschaft ebenfalls Schwierigkeiten, genug qualifiziertes IT-Personal zu finden?

Auch wir leiden unter der hohen Nachfrage nach gut ausgebildetem IT-Personal. Der Arbeitsmarkt ist nahezu leergefegt – aktuell 55.000 offene Stellen laut jüngster Bitkom-Statistik machen das Dilemma deutlich. Mit unterschiedlichsten Maßnahmen versuchen wir den hohen Kapazitätsbedarf für unsere digitalen Herausforderungen zu decken. Ich gehe übrigens davon aus, dass dieser in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch weiter wachsen wird.

Das betrifft sowohl Infrastruktur-nahe Themen wie Netzwerke, Cloud-Ressourcen usw. als auch Applikations-Know-How. Mit dem Einzug der technischen Möglichkeiten aus der Künstlichen Intelligenz kommt jetzt noch einmal ein weiteres Thema auf unsere Agenda. Dort stehen ja schon die TECH-Klassiker Mobile, Data Analytics, VR/AR seit geraumer Zeit ganz oben. Eine Besserung der aktuellen Situation ist nicht erkennbar. Trotzdem hat OTTO mit seinem vielfältigen Angebot nicht die schlechtesten Karten in einem sehr stabilen Wirtschafts- und Gesellschaftsraum Deutschland.

 

Bei einem Mangel auf dem Arbeitsmarkt haben entsprechende Fachkräfte oft freie Auswahl bei der Jobsuche. Mit welchen Argumenten werben Sie junge IT-Talente für die Otto Group an und was unternehmen Sie, um diese auch zu halten?

Alleine an unserem Standort in Hamburg-Bramfeld sind insgesamt mehr als 1000 junge und erfahrene Kollegen in den Bereichen E-Commerce, Informatik und Digitalisierung aktiv. Man kann also auf viele Gleichgesinnte in einer der schönsten Städte Europas treffen. Außerdem haben wir in unserer Unternehmensgruppe so viele unterschiedliche Organisationen unter einem Dach, dass es für aufgeschlossene Menschen fast immer eine interessante Aufgabe gibt und man sich gut weiterentwickeln kann.

Daneben haben wir viele weitere Angebote für unsere Mitarbeiter, die immer mehr Menschen überzeugen, bei uns ihr Berufsleben zu starten oder auch einige Jahre bei uns zu bleiben! Beispielsweise bin ich in unserer firmeninternen Mobile-App TwoGo registriert, über die Mitfahrgelegenheiten unter Kollegen organisiert werden. So nehme ich morgens gerne jemanden mit und wir tauschen uns während der Fahrzeit ganz entspannt über aktuelle Themen aus – hierarchie- und bereichsübergreifend.

Nur mit dem Gehalt allein und blumigen Worten in der Stellenausschreibung lassen sich Jobsuchende heutzutage nicht mehr ködern. Wichtig werden vor allem Themen wie Work-Life-Balance und der Wohlfühl-Faktor im Unternehmen sowie die Unternehmenskultur. Wie stufst du die Relevanz dieser Aspekte aus Unternehmenssicht ein?

Ich erlebe, dass es für Menschen im Beruf immer stärker auch um soziale und sinnbezogene Fragestellungen geht. In früheren Jahrzehnten haben die Wertesysteme der Unternehmensgründer und –eigentümer eine sehr große Bedeutung in der Organisation gehabt. Heute wird dies durch die gesamte Unternehmenshierarchie repräsentiert.

Insofern kommt den Verantwortlichen (hier: Führungskräften und Managern) eine große Bedeutung zu, jungen Menschen attraktive Arbeitsumgebungen zu schaffen. Solange noch ein so hoher Bedarf an menschlicher und gut ausgebildeter Arbeitskraft besteht. Mit der zunehmenden Digitalisierung und auch Bedeutung der Anwendungen aus der Künstlichen Intelligenz erwarte ich in den nächsten zwei Jahrzehnten eine sich erneut verlagernde Diskussion.

Worauf sollten deiner Meinung Absolventen auf der Suche nach ihrem ersten Job achten, wenn sie einen Einstiegsjob suchen, der sie nicht nur fachlich fordert, sondern mit dem sie sich auch langfristig wohl fühlen und zufrieden sind?

Wenn junge Menschen heute ihren ersten regelmäßigen Job antreten, dann müssen sie davon ausgehen, dass noch fast 50 Berufsjahre vor ihnen liegen. Vor ca. 10 Jahren ist das erste iphone auf den Markt gekommen – schauen Sie sich an, was seitdem passiert ist! Umgerechnet dürften den meisten also rund fünf „iphone Disruptions-Zyklen“ bevorstehen. Darin kann man sicherlich viel Wunderbares und Erstaunliches entdecken.

Eher unwahrscheinlich ist, dass es über diese lange Zeit die gleiche Aufgabe bleiben wird. Also am besten mit dem Thema starten, für das man aktuell viel Leidenschaft zeigt, und dort sehr neugierig sein. Das kann ein großartiges Fundament für viel wertschöpfende, aber auch sinnstiftende Lebensarbeitszeit sein. Ich wünsche es den Berufsstartern.

Martin Grupp

Martin Grupp ist Geschäftsführer von jobify und bereichert den Blog mit interessanten Beiträgen.

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Also ehrlich. Diesen Quatsch vom Fachkräftemangel kann man doch nicht mehr ernst nehmen. Ich habe einen Masterabschluss in IT mit Note 5.5, mehrere Forschungspublikationen und war Werkstudent bei IBM. Ich habe über 40 Bewerbungen geschrieben. Alles Absagen. Ich musste am Ende ins Ausland gehen, um überhaupt einen Job zu finden. Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel gäbe, dann hätte ich in Zürich einen Job gefunden. Die Wahrheit ist, dass Schweizer Manager bevorzugt Leute aus dem grossen Kanton einstellen, weil sie billiger sind. Die Firmen tun rein gar nix, um Fachkräfte zu rekrutieren. Es wird nur gejammert, damit die Politik sie subventioniert… Read more »