Viele von euch kennen das vielleicht. Eine vielversprechende Stelle, aber dann hört man nach der Bewerbung erst einmal drei Wochen nichts. Oder ein undurchsichtiger, aufwändiger Bewerbungsprozess. Für viele Gründe derartige Unternehmen auf die imaginäre Blacklist zu schreiben, neben all den anderen Unternehmen, bei denen man sich nie wieder bewerben wird.

 

Treat them like customers

Die Erfahrungen die Kandidaten vor, während und nach einer Bewerbung durchlaufen sind essenziell für den Eindruck, den sie sich über ein Unternehmen bilden. In diesem Fall spricht man von der Candidate Experience. Aber was genau ist damit gemeint?

Der Begriff Candidate Experience lässt vielleicht bei einigen die Glocken klingeln, die schon einmal etwas von Customer Experience gehört haben. Die beiden Begriffe hören sich nicht nur ähnlich an, sondern beziehen sich auf ähnliche Zielsetzungen.  Wo es bei der Customer Experience um das perfekte Kundenerlebnis von Anfang bis Ende geht, steht bei der Candidate Experience, wie der Begriff schon sagt, der Kandidat im Fokus. Er soll möglichst nur positive Berührungspunkte mit dem potentiellen Arbeitgeber erfahren, um unabhängig vom Ausgang der Bewerbung, einen positiven Eindruck von dem Unternehmen zu gewinnen und diesen weiter zu tragen. Es gelten also ähnliche Standards für Kunden wie auch Kandidaten.

Bei der Candidate Experience handelt es sich also konkret um die Summe aller Erfahrungen und Eindrücke, die ein Bewerber von einem Arbeitgeber gewinnt. Damit sind alle Berührungspunkte oder auch Touchpoints gemeint, wie zum Beispiel die Unternehmenswebsite, der Blog, das Social Media, Online Media, der Newsletter, Events oder die Mitarbeiter selbst.

 

Candidate Experience Wheel

Der Zeitraum, in dem ein Kandidat und vielleicht späterer Mitarbeiter Eindrücke vom Unternehmen gewinnt, lässt sich in verschiedene Phasen einteilen. Man spricht dabei auch von dem Candidate Experience Wheel.

  1. Vorbewerbungsphase

    Damit ist die Phase gemeint in der eine Person erstmalig mit dem Unternehmen in Berührung kommt und als potentiellen Arbeitgeber wahrnimmt. Also die Anziehung eines Kandidaten. Ist hier der erste Eindruck positiv, holt die Person weitere Informationen über das Unternehmen ein. Das kann über die Website oder andere online oder offline Auftritte geschehen.

  2. Bewerbungsphase

    Daran anknüpfend kommt die Phase der Bewerbung. Vom Prozess der Erstellung über das Einreichen, die eventuelle Einladung zu einem Bewerbungsgespräch hin zu einer Auswahl für oder gegen den Kandidaten.

  3. Nachbewerbungsphase

    Wird sich dann für einen Kandidaten entschieden, kommt es zum ersten Arbeitstag, dann zum Onboarding und über die Zeit des Arbeitsverhältnisses zur Bindung des Mitarbeiters.

 

Wieso ist eine positive Candidate Experience wichtig?

Die Candidate Experience ist ein entscheidender Faktor im War of Talents. Oftmals sind es Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, bei welchen Unternehmen sich die Top-Kandidaten bewerben. Jeder Punkt ist eine Hürde, bei der sich ein Unternehmen qualifizieren muss. Sollte ein Kontaktpunkt besonders negativ ausfallen, kann das dazu führen, dass ein Kandidat nicht länger an diesem Arbeitgeber interessiert ist. Hier kann eine positive Candidate Experience das Zünglein an der Waage sein.

Ebenso sollte jeder der um eine gute Unternehmensreputation bemüht ist, diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit schenken. Die Investition lohnt sich alle mal. Denn auch ein unpassender Kandidat kann als passender Multiplikator dienen. Sie berichten über ihre guten Erfahrungen und sprechen Empfehlungen aus. Eben diese gewinnen immer stärker an Relevanz. Damit wird die Employer Brand gestärkt und potentielle Kandidaten gewonnen.

Zu letzt geht eine positive Candidate Experience auch direkt über in eine zufriedene Mitarbeiter-Erfahrung. Wer bereits schlecht eingestiegen ist, startet negativer in das gesamte Arbeitsverhältnis, falls es überhaupt dazu kommt.

 

Häufige Defizite

Die häufigsten Aspekte, die Kandidaten als negativ im Prozess wahrnehmen, sind folgende:

  • Unzureichende Kommunikation

    Zu lange Kommunikationspausen, zu komplizierte Kommunikationswege, keinerlei Rückmeldung

  • Mangelnde Individualisierung

    Standardisierte und automatisierte E-Mails, keine individuelle Begründungen in Absagen

 

Was gilt es zu beachten?

Bei der Schaffung eines ganzheitlich positiven Erlebniszyklusses, kann man sich durchaus einige Aspekte aus der Customer Experience Sparte abschauen. Deshalb wird auch gerne von einer Candidate Journey gesprochen. Der Kandidat befindet sich auf einer Reise, in der jedes Unternehmen der eigene Reiseführer ist. Dabei geht es vor allem um Wertschätzung, Professionalität und Individualisierung. Die Touchpoints müssen authentisch gestaltet  und positiv konnotiert sein. Von Usability-Aspekten über menschliche Faktoren muss alles darauf ausgerichtet sein, den Kandidaten zu umwerben, ihm alle wichtigen Informationen so einfach wie möglich zur Verfügung zu stellen und ihn auf seiner Reise zu begleiten.

 

Eine kompetente und umfangreiche Betreuung in Bezug auf alle Touchpoints in jeder Phase bedarf also:

  • Einer individuellen Ansprache
  • Einer zeitnahen Reaktion
  • Einer Kommunikation auf Augenhöhe
  • Einer Begründung und eine ehrliche Begründung im Falle einer Absage
  • Einer Beschreibung des Bewerbungsverlaufs vorab
  • Einer klaren Nennung von Ansprechpartnern
  • Eines einfachen Bewerbungsprozesses

Fazit

Leider wird der Bewerbungsprozess immer noch zu einseitig von Unternehmen gesehen. Nicht nur das Unternehmen verschafft sich einen Eindruck von einem potentiellen Kandidaten, auch ein Kandidat bildet sich eine Meinung über das Unternehmen. Wer hier nur von dem Bewerber erwartet sich gut vorzubereiten, selbst jedoch nicht bereit ist ein ähnliches Investment zu tätigen, der verursacht leicht eine negative Candidate Experience.

Es muss ein Umdenken im Mindset von Unternehmen geben. Von Bewerbern zu Kandidaten. Damit ist nicht das Wording an sich gemeint, sondern die Einstellung, die sich dahinter oftmals verbirgt: „Bewerber reagieren auf meine Stellenanzeige und wollen in mein Unternehmen. Nicht ich muss mich als Unternehmen qualifizieren, sondern lediglich der Bewerber.“ Wohingegen Kandidaten gewonnen werden müssen. Es ist ein beidseitiges Engagement nötig, um zueinander zu finden. Und damit dieses Engagement auch zielgerichtet ist und über den gesamten Prozess hin funktioniert ist ein Candidate Experience-Management durchaus eine Möglichkeit die Candidate Journey zu einer erfolgreichen zu gestalten. Dies meint den Prozess zum einen zu evaluieren, aufbauend darauf Stellen mit Optimierungsbedarf zu lokalisieren und anknüpfend daran Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.

 

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